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Aktualisiert  am
 30.01.2014

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     Mittwoch, 7. Februar 1945    Rena hat Geburtstag, und Papa ist wieder da.

Nun waren wir sieben "Flüchtlinge aus Kumehnen" schon eine Woche bei der Tante und dem Onkel Wittke in Bieskobnicken. Unser Opa kümmerte sich um unsere Pferde und half dem Onkel im Stall. Jeden Tag war er unterwegs rund um Bieskobnicken. Er hatte schon russische Panzer gesehen. Am liebsten wäre er nach Kumehnen zurückgegangen, um das zurückgebliebene Vieh auf unserem Hof zu versorgen. "Die Kühe müssen gemolken werden," jammerte der Opa. Doch von uns wollte erst einmal keiner zu den Russen nach Kumehnen.
Heute war Renas großer Tag da: Sie wurde acht Jahre alt. Wir haben ihr alle am Vormittag gratuliert. Was sie geschenkt bekommen hat, weiß ich nicht mehr. Dennoch gab es ein tolles Geschenk für uns alle: Um die Mittagszeit kam ein Soldatenauto auf den Hof gefahren. Unser Papa in Soldatenuniform stieg aus. Wir stürmten alle nach draußen. Das war eine Riesenfreude. Da es auf dem Hof sehr kalt war, gingen wir alle in die warme Wohnstube. Rena stand natürlich zuerst einmal im Mittelpunkt als Geburtstagskind. Wir Kinder saßen gleich auf Papas Schoß.
Schon nach kurzer Zeit stellte Papa folgende Frage: "Warum seid Ihr noch hier und nicht nach Pillau gefahren?" Mamas Antwort: "Ich fahre nicht mit dem Schiff über die Ostsee. Das große Schiff "Wilhelm Gustloff“ ist mit so vielen Menschen untergegangen. Das wollen wir nicht erleben."
"Wenn ihr gesehen hättet, was wir Schreckliches erlebt haben, würdet Ihr schon lange weg sein. Die Russen sind südlich von Bieskobnicken bei Germau bis zur Samlandküste durchgebrochen. Wir konnten die sowjetischen Truppen wieder bis Kumehnen zurücktreiben. Als wir dann nach Germau kamen, sahen wir das Verbrechen der Russen: Im Dorf haben sie alle Menschen - meistens Frauen, Kinder und alte Männer - in der Kirche zusammengetrieben und dann mit Maschinengewehren erschossen. Ja, wir haben noch betrunkene russische Soldaten gefunden, die junge Frauen auf einem Misthaufen vergewaltigt haben - bei dieser schlimmen Kälte. Die Russen haben wir alle erschossen. Ihr fahrt sofort nach Pillau. Denn wenn die Russen Euch erwischen, bedeutet das wohl den sicheren Tod. Ihr müsst "heim ins Reich". Mit dem Schiff über die Ostsee ist die einzige Fluchtmöglichkeit," sprach Papa und war dabei sehr ernst.
Wir Kinder verstanden viele Aussagen nicht richtig, aber wir hatten Angst vor den Russen. Deshalb bedrängten wir die Mutter loszufahren. Frau Müller war auch dafür. Und so wurde der traurige Abschied aus dem Samland beschlossen - auf Renas 8. Geburtstag.

     8. Februar 1945                       Mit dem Schiff vom Hafen Pillau nach Danzig-Neufahrwasser

Ich kann mich nur schemenhaft an den Abschied von Onkel und Tante in Bieskobnicken erinnern. Auch mein Opa Rudolf Dufke blieb dort. Er wollte mit unserem Treckwagen wieder zurück nach Kumehnen. "Einer muss doch für die Tiere sorgen. Fahrt Ihr man los. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder," waren seine letzten Worte. Ich habe die drei Menschen unserer Verwandtschaft nie mehr gesehen. Wo sie begraben liegen, ist mir unbekannt. Frau Müller mit ihren Jungen haben wir erst nach 1946 in Harrislee bei Flensburg wiedergesehen. Sie waren mit einem Schiff bis Schleswig-Holstein gekommen.
Auf jeden Fall fuhren wir Mama, Renate und ich - auf Veranlassung und Drängen meines Vaters - am 8. Februar 1945 mit einem alten Bus nach Süden bis zum Pillauer Hafen. Der Bus kam mit Frauen und Kindern von der Kurischen Nehrung. Wir müssen wohl um die Mittagszeit in Pillau angekommen sein. Denn es war noch hell, als wir mit wenig Gepäck auf ein Schiff klettern mussten.
Das war ein wildes Geschiebe auf dem Schiff. Mama hielt uns beide an der Hand. Sie trug auch noch einen Koffer und Rena und ich kleine Taschen. Wir wurden zu einer Treppe gebracht, die sehr steil nach unten ins Schiffsinnere führte. Als wir unten ankamen, mussten wir nach links in einen kleinen Raum gehen. Gleich wieder links um die Ecke: Nach oben mit dem Gepäck und Rena und ich saßen mitten dazwischen in der oberen Etage eines Matrosenbettes. Mama stand unten neben dem Bett. Überall Frauen und Kinder in dem kleinen Raum! Jeder musste aufpassen, dass er nicht auf irgendeinen Menschen oder ein Gepäckstück trat oder darüber stolperte.
Gott sei Dank! Ich hatte gesehen, dass zwischen der Treppe und unserer Kabine eine kleine Toilette war. Für alle Fälle! Doch dann ruckte es durch das ganze Schiff. Die Maschinen sprangen an, und das Schiff legte ab. Wir haben nichts von der Ausfahrt aus dem Pillauer Hafen mitbekommen. Und genau genommen freuten sich alle Menschen mit uns: Wir waren den Russen im Samland entkommen. Die konnten uns nicht mehr erreichen, denn wir befanden uns ja auf See und nicht mehr an Land. Dass auch Flugzeugangriffe möglich wären, war im Augenblich nicht wichtig.
Wir hatten unser Heimatland verlassen. Das wurde uns eigentlich gar nicht bewusst. Aber es war so. Papa, Uroma Miller, Oma und Opa in Regehnen, der Opa in Kumehnen, Onkel und Tante in Bieskobnicken, unser Hof an der Kumehner Kirche, unser Haus in Rauschen, meine Angorakaninchen in Kumehnen: Alles war weg. Und wir fuhren mit einem Schiff zu einem unbekannten Ziel.

     10. und 11. Februar 1945      Im Güterzug von Danzig bis Schlawe und weiter nach Alt Järshagen

Im Hafen von Danzig-Neufahrwasser legte unser Schiff am Morgen an. Wir mussten alle das Schiff verlassen. Das war ein fürchterliches Gewühl. Wir Kleinen mussten auch was tragen und konnten zwischen den Großen fast nichts sehen. Mühsam schob sich die Menschenmenge bis zu einer großen, hohen Halle. Wir marschierten hinein. Da gab es freie Gänge und rechts und links davon Strohlager flach ausgebreitet. Mama suchte für uns Drei in der Mitte der Halle ein Strohlager-Plätzchen. Das wenige Gepäck wurde in die Mitte gestellt. „Am besten Ihr legt Euch daneben, damit keiner etwas sieht oder gar wegnimmt“, erläuterte Mama.
Da saßen wir nun in Danzig in einer großen Halle. Die Sonne schien von oben durch weite Fensterflächen. Unsere Mama sagte uns, wir sollten mit dem nächsten Schiff weiterfahren über die Ostsee nach Westen. Aber sie wollte das nicht: „Von Pillau nach Danzig, das ist genug. Da haben wir Glück gehabt, dass die Russen unser Schiff nicht versenkt haben.“
Dann bat sie uns, auf unseren Plätzen zu bleiben. Sie wollte einen Zug suchen, mit dem wir nach Westen, nach Stettin, „heim ins Reich“, bloß weg von den Russen flüchten konnten.
So saßen wir Knirpse in Danzig im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein inmitten einer großen wild durcheinander laufenden Menschenmenge und warteten ängstlich auf unsere Mutter. Die Sonne schien durchs Dach, und es war bitterkalt da drinnen. Dann fing Rena auch noch an zu weinen. Eine Rotkreuz-Schwester kam, um sie zu beruhigen. Dabei schimpfte sie auf Mama, die ihre Kinder hier allein gelassen hatte. Doch da kam auch die Rettung: Mama!
„Schnell, Lothar und Rena, alles Gepäck in die Hände nehmen und raus aus der Halle. Ich habe einen Zug gefunden, mit dem wir mitfahren können. Da müssen wir uns beeilen“, trieb Mama uns an. Wie wir dahin gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Es war draußen bitterkalt. Allmählich fing es an dunkel zu werden. Da waren wir bei dem Zug angekommen. Es war ein langer Güterzug mit einer alten Dampflok davor. In den meisten Waggons lagen verwundete Soldaten. Viele schrien laut. Am Zugende waren für uns Flüchtlinge noch einige Waggons angehängt. Also hieß es: „Hoch klettern, irgendwo eine Stelle im schon recht dunklen Waggon finden, und mit Mama zusammenbleiben. Bloß nicht die Mama verlieren!“
Bald setzte sich der Zug fauchend in Bewegung und fuhr nach Westen, in die Dunkelheit und in die vermeintliche Freiheit. Am Bahnhof Schlawe in Hinterpommern war Schluss der beschwerlichen Bahnfahrt. „Die Russen sind mit ihren übermächtigen Truppen bei Kolberg von Süden her zur Ostseeküste durchgebrochen, “ hatte Mama erfahren. Das bedeutete, dass unser Weg nach Westen versperrt war. Wir saßen alle in der Falle: Hinter uns der Russe, vor uns der Russe, im Süden der Russe und im Norden die Ostsee. Unsere Heimat weit weg, unser Ziel nicht erreichbar. Für uns war der Krieg eigentlich beendet. Die Schreckenszeit unter den Siegern und ihren Partnern sollte bald beginnen.
Wir mussten in Schlawe aussteigen. Das war mitten in der Nacht. Am nächsten Tage waren wir ostpreußischen Flüchtlinge in dem hinterpommerschen Dorf Alt Järshagen (etwa neun Kilometer von Schlawe und Rügenwalde entfernt) bei einer netten Bauernfamilie in einem Zimmer im Dachgeschoss einquartiert. Wie wir dahin gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Wir Kinder haben bestimmt irgendwo geschlafen, sehr wahrscheinlich auf einem Lastwagen, der uns nach Alt Järshagen brachte.

Auf unserer Autofahrt im Jahre 1970 haben wir Alt Järshagen besucht. Wir haben  das Haus gefunden, in dem Mama, Rena und ich gewohnt haben. Das von den Russen abgefackelte Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite finden Sie auf der nächsten Seite als “Grashügel mit Eichbaum”.

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An der Straße lagen 1945 Stallgebäude.
Wenn man vom Hof durch die Haustür in den Flur kam, lag das Schlafzimmer des Bauernehepaares rechts davon.
Die Fenster gehörten zum Schlafzimmer.
 An den Fenstern des Schlafzimmers vorbei ging es durch eine Pforte zum Backhaus.

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